EU-Türkei-Beziehung in der Krise, die Zweite: Vortrag und Diskussion

Die letzten Tage wurden medial vom Brexit und seinen politischen Konsequenzen für die EU als auch für die in sich gespaltene britische Insel überschattet. Viel Spekulation, so einige unsichere Prognosen und viele ratlose Expertengesichter, vor allem im Hinblick auf die rechtspopulistischen Parteien in ganz Europa, die den Brexit wie einen selbst errungenen Sieg lobpreisen. Die EU befindet sich definitiv in einer Krise. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ideell. Gleichzeitig muss sich die EU nach außen als globaler Akteur behaupten. Da kommt die Beziehungskrise mit der Türkei ziemlich unpassend hinzu. Im Rahmen der Vortragsreihe “Leadership and Crisis in the EU” des Jean Monnet Centres of Excellence soll die Beziehung von EU und Türkei mit Rückblick auf die Beitrittsverhandlungen beleuchtet und diskutiert werden, um den heutigen Status besser nachvollziehen und in seiner Brisanz bewerten zu können.

Am Dienstag wird Dr. Jörg Baudner der Universität Osnabrück einen Vortrag mit dem Titel “Political Leadership zwischen Stammtisch und Verhandlungstisch – die EU-Türkei-Beziehungen als Multi-Level-Politics” halten, an den eine Diskussionsrunde mit dem Publikum anknüpft. Du bist eingeladen: 18:15 Uhr, Zimeliensaal in der Universitätsbibliothek (Alte Münze 16, 49074 Osnabrück). Eintritt ist natürlich frei.

Worum genau geht es in dem Vortrag?

Die türkischen Beitrittsverhandlungen zur EU wiesen verschiedene Paradoxien auf. Kanzlerin Merkel und der französische Präsident Sarkozy sprachen sich 2005 vehement gegen eine Mitgliedschaft der zu jenem Zeitpunkt sehr reformfreudigen Türkei aus. Schon vor der sogenannten Flüchtlingskrise, in 2013, war die Äußerung von G. Öttinger (CDU), dass eines Tages eine deutsche Kanzlerin “auf Knien” die Türkei um den Beitritt bitten würde, Indikator für einen Positionswechsel – trotz der zunehmend autoritären Tendenzen der türkischen AKP-Regierung. Dr. Jörg Baudner, vertritt die These, dass sowohl in der Türkei als auch in Deutschland die EU-Beitrittsverhandlungen in erster Linie nationalen Politikzielen dienten. Ihre Dynamik als auch die verwendeten Identitätsdiskurse können auf das strategische Kalkül von Regierungsakteuren zurückgeführt werden. Dabei ist von zentraler Bedeutung, dass sowohl AKP als auch die CDU konfessionelle Parteien sind, für die “interkulturelle (EU) Integration” im Widerspruch zu ihrem ursprünglichen Selbstverständnis steht.

Jörg Baudner ist seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Kulur- und Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück. Nach einem MSc an der London School of Economics und einem PhD an der University of Birmingham war er u.a. an der Bilgi und Bogazici University in Istanbul tätig.

Was ist das Jean Monnet Centre of Excellence in European Studies?

Im Rahmen des JM Centres kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Sozial-, Rechts-, Wirtschafts-, Geschichts- und Kulturwissenschaften unter Federführung des Fachbereichs Sozialwissenschaften mit dem Ziel, Forschung und Lehre zu Fragen der Europäischen Integration an der Universität Osnabrück zu fördern und zu vertiefen. Ein solcher interdisziplinärer Ansatz ermöglicht es, komplexe europapolitische Themen umfassend zu untersuchen und zu verstehen.

Weitere Infos zur Vortragsreihe findest du hier.

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